im 4. BMBF-Innovationsforum "Zivile Sicherheit" 2018

„Zivile Sicherheit: analog und digital“

 

Unter der Gesamtüberschrift ‚Zivile Sicherheit: digital und analog‘ finden drei Sessionen zu spezifischen Ausprägungen der Digitalisierung statt, in denen insbesondere der Wandel thematisiert wird, der sich durch digitale Sicherheitstechnologien gegenüber analogen abzeichnet. Die Unterthemen der Programmsäule „Ausprägungen der Digitalisierung“ lauten: Metrisierung, Autonomisierung und Telematisierung. Prof. Dr. Natascha Adamowsky, die die Professur für  Digitale Medientechnologien an der Universität Siegen hat, moderiert alle drei Sessionen der Programmsäule „Ausprägungen der Digitalisierung“ und bringt die Ergebnisse in die Podiumsdiskussion (Session 4A/B) am 20.06. ein.

 

Session 1B: Dienstag, 19.06., 13.00-14.30 Uhr

Ausprägungen der Digitalisierung: Metrisierung

Die Vermessung unterschiedlicher Dinge und Phänomene ist nicht erst mit der fortschreitenden Digitalisierung Teil unserer gesellschaftlichen Selbsterfassung. Wir zählen die ansässige und abwandernde Bevölkerung um Gesellschaften zu konturieren, wir zählen Straftaten und weisen Risiken und Gefahren in ihrer Wahrscheinlichkeit aus, um Aussagen über die Sicherheitsverhältnisse unserer Gesellschaft zu machen. Zahlen, Daten und das „Ins-Verhältnis-Setzen“ unterschiedlicher Messgrößen liefern also Anhaltspunkte über die Themen und Werte, die in einer Gesellschaft zählen. Die fortschreitende Beschreibung der sozialen Welt sowie ihrer Gefahren und Risiken durch scheinbar objektive Zahlen erfährt durch digitale Technologien eine neue Qualität: Digitalisierung erlaubt u.a. mehr Daten schneller zu verarbeiten. Möglich werden unzählige Weiterverarbeitungen und schnelle Vergleiche. Es entsteht der Anspruch, Qualität und Effizienz stets in Zahlen auszudrücken. Eine Verbesserung numerischer Werte gilt dann als Hinweis auf optimierte Verhältnisse.

Auch im Feld der zivilen Sicherheitsforschung spielen Daten und Zahlen eine wichtige Rolle, z. B. bei der Bewertung von Verfahren und Sicherheitstechnologien. Der Erfolg von Rettungseinsätzen bemisst sich beispielweise an der Schnelligkeit von Einsatzlogistik im Verhältnis zur Zahl der Verletzten, die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) gibt Auskunft über die Sicherheit einer Stadt. Durch die zahlen- und datengestützte Beschreibung erscheinen schwer greifbare Konzepte wie „Sicherheit“ oder „Effizienz von Einsätzen“ objektiv bestimmbar und vergleichbar.

Die Session Metrisierung vertieft die Debatten zur Bedeutung von Zahlen und Daten, ihrer Erfassung, Aufbereitung und Auswertung. Sie stellt die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die Absurditäten und den Wert des Messens von Sicherheit zur Diskussion. Dabei wird es auch um die aktuell virulenten Themen big data und predictive policing gehen. Außerdem wird beleuchtet, welche Auswirkungen die Beschreibung von Sicherheit durch Zahlen und Daten insgesamt auf das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung hat.

 

Session 2B: Dienstag, 19.06., 15.15-16.45 Uhr

Ausprägungen der Digitalisierung: Autonomisierung

Automatische Systeme erfüllen klar definierte Aufgaben. Diese werden nach zuvor von Menschen festgelegten und eindeutig strukturierten Schrittfolgen sukzessive und maschinell abgearbeitet. Prozesse der Autonomisierung bauen auf diesen Erfahrungen technischer Steuerung auf und erweitern diese maßgeblich. Das Ziel besteht darin, durch Sensoren, softwaretechnische Befehlsketten und den Einsatz von Techniken des machine bzw. deep learning möglichst vollständig oder teilweise autonom operatives technisches Handeln (sog. computergenerierte Autonomie) hervorzubringen. Die in der informationstechnischen Automatisierung durch Algorithmen vorgegebene deterministische Struktur der Programmierung wird dabei nicht vollständig verlassen. Jedoch werden der neu erzeugten künstlichen Maschine Freiheitsgrade eingeräumt. Auf diese Weise sollen neue Herangehensweisen oder Lösungen ermöglichen werden, die selbsttätig und teilweise unabhängig von der menschlichen Programmierung sind.

Zwar stehen computergenerierte Autonomisierungstechniken heute noch am Anfang ihrer Entwicklung, gleichwohl zeichnen sich bereits vielfältige Anwendungsbereiche in den unterschiedlichsten Sicherheitskontexten ab. Die Session Autonomisierung stellt autonomes operatives Handeln in Sicherheitskontexten vor und diskutiert die Auswirkungen der digitalen Autonomisierung, von Einschätzungen, Reaktionen und Entscheidungen: Welchen Nutzen versprechen die autonomen Systeme? Was kennzeichnet ihre Autonomie und welchen Algorithmen folgt diese? Wie sind autonome Systeme in rechtsstaatliche und polizeiliche Umfelder eingebunden und auch kontrollier- und steuerbar? Wer entscheidet über ihren privatwirtschaftlichen Einsatz? Wie ist die Objektivität technischer Lösungen zu beurteilen? Können ambivalente Wirkungen oder auch manipulative Gefahren der Verhaltenssteuerung ausgeschlossen werden? Inwieweit sind die bislang international bekannten Anwendungen mit unserem Verständnis notwendiger Freiheitsrechte vereinbar, wie etwa dem Prinzip der Datensparsamkeit, der Zweckbindung oder der Gewährleistung nicht manipulierter persönlicher Kommunikation? Diesen und anderen Fragen wird die Session Autonomisierung nachgehen

 

  • Dr. habil. Nils ZurawskiUniversität Hamburg
    Wer oder was ist autonom? Überlegungen zu digitaler Steuerungstechnik, Sicherheit und gesellschaftlichen Dynamiken

Session 3B: Dienstag, 19.06., 17.30-19.00 Uhr Uhr

Ausprägungen der Digitalisierung: Telematisierung

Der Begriff „Telematik“ setzt sich aus den Begriffen „Telekommunikation“ und „Informatik“ zusammen und bezeichnet die digitale Verknüpfung von mehreren Informationssystemen. Prozesse der Telematisierung ermöglichen die Übertragung von Daten, Bildern oder Informationen sowie ein umfangreiches Interaktions- und Beziehungsmanagement über die Distanz. Die digitalisierte Vernetzung von immer mehr Geräten und Systemen betrifft in vielfältiger Weise unser Leben. Mittels Tele-Banking etwa können Kontoauszüge eingesehen oder Überweisungen getätigt werden. Tele-Arbeit ermöglicht neben der Unabhängigkeit von einem bestimmten Rechner oder Arbeitsplatz auch neue Formen der Arbeitsteilung. „Smarte Lösungen“ im Haushalt, im Mobilitätsbereich oder in der Wohnungseinbruchsicherung sollen die Sicherheit im Alltag erhöhen. Gleichzeitig wirft die mit der Digitalisierung verbundene zunehmende Datenproduktion, -verarbeitung und -speicherung neue Risiken auf.

Auch neue – und nicht selten kontroverse – Möglichkeiten zu Überwachung und Kontrolle entstehen. Insgesamt verändert sich die Art und Weise, wie wir kommunizieren, uns organisieren und Dinge planen. Dies bedingt in vielen gesellschaftlichen Bereichen einen Wandel im Verhältnis von Nähe und Distanz sowie von Zeit und Raum. Durch digitale Technologien sind Menschen nicht mehr darauf angewiesen, gemeinsam an einem Ort zu sein, um gemeinsam zu handeln.

Diese Entwicklungen sind auch im Bereich der zivilen Sicherheitsforschung von Bedeutung: In der Notfallrettung etwa bergen telemedizinische Innovationen neue Potentiale, aber auch Herausforderungen. Die Session Telematisierung greift das Thema Nähe-Distanz von Information und Einsatz, Aktion und Entscheidung im Bereich der Telemedizin auf. Darüber hinaus werden Unterschiede zwischen arbeitsteilig-analogem und distribuiert-digitalem Handeln analysiert und in ihrer Bedeutung für das Feld der zivilen Sicherheitsforschung diskutiert.

 

Gemeinsame Abschlusssession des FOES und Fachdialogs

Session 4A/B: Mittwoch, 20.06., 9.00-10.30 Uhr

Analoge und Digitale Kompetenzen – Auswirkungen für Einsatzkräfte

Einsatzkräfte befinden sich aktuell in einem Zwiespalt. Einerseits arbeiten sie verlässlich mit analogen Hilfsmitteln und anderseits wird eine große Anzahl von digitalen Hilfsmitteln entwickelt, um ihre Arbeit zu unterstützen. Neue, digitale Sicherheitstechnologien bedeuten allerdings nicht automatisch und unmittelbar mehr Einsatzkompetenz und -effizienz. Die Routinen und Erfahrungen von Einsatzkräften sind insbesondere in Krisen und Katastrophenlagen auf robuste, einfache und oft auch analoge Hilfsmittel eingestellt. Es stellt sich daher die Frage, ob digitale Sicherheitstechnologien per se eine Verbesserung für den Einsatz darstellen.

Innovative Techniken verlangen von Einsatzkräften neue Kompetenzen und Lernaufwand, bevor sich ein messbarer Mehrwert einstellt. Daher ist sowohl beim Einsatz als auch der Aus- und Weiterbildung abzuwägen, in welchen Kontexten digitale Geräte und Möglichkeiten sinnvoll sind.

Was die Auswirkungen und Akzeptanz analoger und digitaler Sicherheitstechnologien angeht, sind die Erfahrungen und die Bedürfnisse der Einsatzkräfte besonders wichtig. Diese sollen in der Diskussionsrunde zur Sprache kommen und im Austausch von Praxis, Politik und Wissenschaft beleuchtet werden.

Die Runde führt die Diskussion der Programmsäulen A Einsatzkräfte in Praxis und Forschung und B Ausprägungen der Digitalisierung zusammen, um folgende Fragen zu vertiefen: Welche konkreten Effekte digitaler Technologien auf die Organisationsmöglichkeiten im Einsatz lassen sich benennen? Welche Auswirkungen haben diese für Einsatzkräfte? Welche Methoden eignen sich, um Erfahrungswissen und digitale Kompetenz gleichberechtigt zu vermitteln?

 

Podium: